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Vom Vergessen zum Erinnern – und wieder zurück?

Datum
13.04.2011

Meine Damen und Herren, 

die Menschheit hat seit ihrem Bestehen einen Kampf gegen das Vergessen geführt. In der Steinzeit ging es um Jagdmethoden, Heilpflanzen, Weisheiten und Heldentaten. All dies musste mündlich von Generation zu Generation überliefert werden. Aber wir wissen, dass Überlieferungen in der Regel  bruchstückhaft bleiben. Wir kennen alle das Phänomen der stillen Post. Da ändern sich Inhalte und aus Ereignissen werden dann auch leicht Legenden. 

Dann kamen die Schrift, später der Buchdruck. Mit der Verschriftlichung und dem Buchdruck haben wir Hürden gegen das Vergessen errichtet. Aber wir wissen auch, dass Tinte verblasst und Bücher verstauben. 

Und je weiter etwas im Papierstapel nach unten rutscht und je mehr Regale eine Bibliothek füllen, desto schwerer fällt der Zugang zum Wissen und damit auch zum Erinnern.   

Und nun haben wir das Internet. Das Internet – so sagen es jedenfalls die Experten – vergisst nichts. Es füllt sich täglich mit neuen Informationen – mit Wissen über die Welt und mit Wissen über uns. Und dieses Wissen ist praktisch überall und jederzeit verfügbar. So kann man sagen, dass das Internet als kollektives Gedächtnis erscheint, aus dem sich heute jeder und auch in ferner Zukunft bedienen kann. 

Der alte Schulfreund, den man Jahrzehnte nicht gesehen hat, mit dem man die eine oder andere wilde Party gefeiert hat und den man fast vergessen hatte. Mit dem Internet kann man dann die Erinnerung – hoffentlich eine schöne Erinnerung -  in Sekunden wieder auffrischen. 

Vielleicht findet man Bilder. Man sieht wie dieser Schulfreund heute aussieht, vielleicht findet man auch seine Adresse, man erkennt im sozialen Netzwerk, dass man noch immer die gleichen alten Freunde hat und man erkennt vielleicht auch, dass man im heutigen Leben eigentlich über einige Ecken beruflich miteinander zu tun hat.

Das Internet: Ein Segen gegen das Vergessen! 

Und dann: Man klickt sich weiter durch die Bilder, landet in alten Zeiten, sieht, wie der Schulfreund wieder jünger wird, erkennt auf einmal, dass er von der einen oder anderen wilden Party Fotos gemacht hat und erkennt schließlich – sich selbst! Peinlich kann das sein. Das Internet: Der Fluch des Nicht-Vergessens!

Ob wir das Nichtvergessen im Internet als Segen oder Fluch begreifen, hängt vom jeweiligen Sachverhalt und der Perspektive ab. 

Nehmen wir z.B. die Traumhochzeit - der schönste Tag im Leben. Es werden Bilder gemacht und diese Bilder werden ins Netz gestellt. Das Paar will sich mit seinen Gästen und mit Freunden gemeinsam und möglichst lange an diesen Tag erinnern. Wer will es ihm verwehren? 

Doch das Erinnern wird auf einmal öffentlich. Das Erinnern wird zur sozusagen Dokumentation. Für diejenigen, die nicht dabei waren, ist es ein völlig neues Ereignis. Einzelne Bilder können kopiert werden, sie können weiter verteilt werden, aus dem Kontext gerissen und eventuell sogar dritten Personen in besonderer Absicht "zugespielt" werden. 

Die Folgen können beachtlich sein. In den USA hat der so genannte "drunken pirate" Fall für Aufsehen gesorgt: Eine 25-jährige angehende Lehrerin hatte in einem sozialen Netzwerk ein Foto von sich veröffentlicht. Mit einem Piratenhut auf dem Kopf und einem Plastikbecher in der Hand. Dieses Bild kommentierte sie als "drunken pirate", also betrunkener Pirat. 

Das Foto fand kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung seinen Weg zum Dekan ihrer amerikanischen Universität – und das hatte beachtliche Folgen: die junge Frau durfte ihre Ausbildung nicht beenden. Als Vorbild für Kinder sei sie ungeeignet. Ein Gericht hat diese Entscheidung schließlich auch bestätigt.

Ein Foto. Ein Augenblick. Eine Erinnerung. 

Das Vergessen erfüllt in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle. Die dauerhafte und öffentliche Dokumentation von Ereignissen kann für das Vergessen zu einem Problem werden. 

Es wird nicht alles ungeschehen, nur weil es verblasst. Aber mit der Zeit ändern sich häufig die Bewertungsmaßstäbe. In einer Welt ohne Vergessen wird es wohl auch schwerer zu vergeben. Rilke hat einmal gesagt: "Es ist wichtig, sich zu erinnern. Noch wichtiger ist zu vergessen.“ 

In Deutschland hätte der Fall der "drunken pirate" vielleicht einen anderen Ausgang gehabt. Es stellt sich insoweit auch die Frage, wie Vergessen und Erinnern über Landesgrenzen hinweg zu bewerten ist. Das gleiche Ereignis kann in unterschiedlichen Kulturkreisen völlig anders bewertet werden. Und so kann etwa ein Faschingsbild in Deutschland durchaus gesellschaftlich anerkannt sein, in einem anderen Kulturkreis stößt es auf völliges Unverständnis und wird völlig anders bewertet als das bei uns der Fall ist. 

Ein Recht auf Vergessen ist in manchen Bereichen längst anerkannt. Beispielsweise sieht unser Strafrecht ausdrücklich ein Recht auf Vergessen gegenüber dem Staat vor. 

Taten werden erst ab einem bestimmten Strafmaß überhaupt in einem Register vermerkt. Nach einiger Zeit werden andere Taten aus diesem Register wieder entfernt. Denn – das ist der Gedanke, der dahinter steckt -  jeder verdient eine neue Chance

Aber  wie sähe es mit diesem Anspruch auf Vergessen gegenüber dem Staat aus, wenn der kriminelle Werdegang einer Person im Internet dokumentiert ist. Kann sich der Anspruch auf Vergessen vielleicht auch gegen Private richten?

Muss auch das Opfer irgendwann zwangsweise vergessen und sogar verpflichtet werden, nicht mehr über die Erinnerung an eine Gewalttat zu berichten? 

Mit dem Internet haben Vergessen und Erinnern auch deshalb eine neue Qualität erreicht, weil das digitale Gedächtnis gegen Manipulation nicht gefeit ist. Und um aus dem digitalen Gedächtnis etwas hervorzukramen, braucht es so manchen Helfer, z.B. eine Suchmaschine. 

Findet man immer die richtigen Informationen? Es gibt bereits Dienste, die mit "geschönten Erinnerungen" Geld verdienen. Wer selbst nicht über Zeit oder Know-How verfügt, kann einen Dienstleister bitten, negative Inhalte im Netz durch das gezielte Platzieren positiver Informationen über die eigene Person zu verdrängen. Die negativen Ereignisse werden auf diese Weise zwar nicht vergessen, sie sind aber schwieriger zu finden und schwerer zugänglich und auffindbar. 

Für die Reputation im Internet können die eigenen finanziellen Möglichkeiten durchaus mitentscheidend werden. Die Kommerzialisierung des Vergessens – ich meine, eine erschreckende Vorstellung. 

Ich habe mit diesen Ausführungen die Problematik nur angerissen. Die Entwicklung vom Vergessen zu immer mehr Erinnern wirft eine Reihe von Fragen auf, von denen ich nur einige ansprechen will: 

Was wird dieses "Nicht-Vergessen" für unser tägliches Leben in Zukunft bedeuten? 

  • Bedarf es Möglichkeiten, Informationen im Internet zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu entfernen, oder obliegt es vor allem der Gesellschaft, den Umgang mit einer Nichtvergesslichkeit zu erlernen?
  • Wie können wir Bewusstsein schaffen, um mit den neuen Mechanismen des Nicht-Vergessens verantwortungsvoll umzugehen?
  • Müssen wir auf die "Gnade des Vergessens" künftig verzichten oder gibt es soziale Mechanismen oder technische Möglichkeiten, diese Gnade zu erhalten?
  • Welche Chancen bietet uns das Internet als digitales Gedächtnis?
  • Ist Vergessen in Zukunft generell eine öffentliche Angelegenheit, wenn etwa Jugendfotos nicht mehr zu Hause im Schuhkarton oder in einer Schublade, sondern auf Speicherplatz im Internet aufbewahrt werden? 

Man könnte die Fragen unendlich fortsetzen. Ich will es heute aber dabei bewenden lassen. 

In dem heute hier eröffneten Ideenwettbewerb zum Vergessen im Internet sollen alle diese Fragen gemeinsam mit Ihnen diskutiert werden und idealiter mindestens teilweise auch beantwortet werden. 

Es gibt erste Ansätze technischer Art. Zum Beispiel Programme, bei denen persönliche Bilder und Beiträge mit einem Verfallsdatum versehen werden. 

Auch gibt es Maßnahmen, die uns davon abhalten sollen, Informationen leichtfertig in das Internet einzustellen. Ein großer E-Mail-Provider bietet z.B. ein Programm an, das zu fortgeschrittener Stunde das Lösen von Mathematikaufgaben verlangt, bevor eine E-Mail versendet werden kann. Ich erinnere an die betrunkene Piratin. 

Die Bandbreite möglicher Ideen ist noch lange nicht ausgeschöpft und sie sollte sich vor allem nicht nur auf technische Lösungen beschränken. 

Ich meine, wir müssen erstens unser Bewusstsein schärfen. "Bewusstsein schärfen" lautet deshalb auch die erste Kategorie unseres Wettbewerbs. Wir wünschen uns, dass in Plakaten, Videos und Kurztexten darauf aufmerksam gemacht wird, was es bedeuten kann, dass das Internet nicht vergisst und welche Folgen das haben kann. Ich wünsche mir hier insbesondere von jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, von Schülerinnen und Schülern, dass sie kreative Ideen einbringen und kreative Lösungen für  Umsetzungen präsentieren.    

Wir müssen zweitens über unsere Regeln und Umgangsformen nachdenken. Sie reichen von der "digitalen Abstinenz" über Datenschutz und Informationsmanagement bis hin zur kognitiven Anpassung. Hierzu dient die zweite Kategorie des Wettbewerbs. Und hier sind Wissenschaftler und Studierende aus dem Bereich der Sozial-, Geistes und Rechtswissenschaftlern angesprochen. Wir wünschen uns eine intensive Beteiligung zu diesem Thema.  

Und drittens müssen wir selbstverständlich auch nach technischen Lösungen suchen – auch wenn der digitale Radiergummi in erster Linie ein Bild sein sollte, das dazu diente, das Problem zu veranschaulichen. Es war weniger gemeint als technische Lösung.

Ich bin davon überzeugt, dass die Bürgerinnen und Bürger, dass die jungen Leute unseres Landes eine Vielzahl guter Ideen haben, die sie hier einbringen können und die fruchtbar gemacht werden können. Wir wenden und ganz bewusst nicht nur an die Wirtschaft und Forschungsinstitute oder Lehrstühle, die sich ohnehin mit dieser Thematik befassen, sonder wir möchten wirklich die Gesellschaft, die Bürgerinnen und Bürger ansprechen – auch deshalb, weil ich meine, dass das Thema uns alle angeht. 

Das Internet ist zum wesentlichen Bestandteil des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens geworden. Wir können uns heute eine Welt ohne Internet schlichtweg nicht mehr vorstellen. Es bedarf daher einer aktiv gestaltenden Netzpolitik, um die Chancen und Freiheiten, die das Internet bietet, zu erschließen und zu wahren. Und das ist auch ein  zentrales Anliegen des Bundesministeriums des Innern. 

Wir haben in einem Katalog der wichtigsten netzpolitischen Maßnahmen Handlungsfelder identifiziert, die wir nun umzusetzen wollen. Neben Datenschutzaspekten, dem Thema Cyber-Sicherheit oder auch Fragen des Open Government gehört dazu auch die Diskussion, die wir spätestens heute beginnen wollen zum „Vergessen im Internet“.   

Ich lade Sie daher herzlich ein, sich an der Diskussion mit eigenen Ideen zu beteiligen. Es ist bereits auf die Plattform vergessen-im-internet.de hingewiesen worden. Dort können Sie diskutieren. Hier können Sie auch Mitstreiter für eigene Ideen finden- Sie können sich vielleicht auch anderen Projekten anschließen. 

Vor allem die Jugend ist meiner Generation sicher wenigstens einen Schritt voraus. Ich benutze zwar auch das Internet, Tablet und Smartphone, aber ich bin mit diesen Techniken nichtaufgewachsen. Das ist bei den Jugendlichen heute völlig anders. Sie sind mit diesen Techniken groß geworden und gehen selbstverständlicher mit ihnen um. Und deshalb glaube ich werden wir gerade aus dieser Generation andere Bewertungen bekommen und andere Verhaltensweisen vermittelt bekommen als das noch bei meiner Generation – oder jedenfalls bei mir – der Fall ist.  

Ich wünsche also allen, die sich am Wettbewerb beteiligen möchten, viel Erfolg! Die Details können Sie im Internet finden. 

Schreiben sie sich ihre Gedanken auf und speichern sie sie zwischendurch ab – denn sonst könnten sie sie vergessen. 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!